Aug 31 2010
Interaktive Musikvideos
Wie sieht die Zukunft der Musikvideos aus? Welche Auswirkungen bringt die veränderte Mediennutzung mit sich? Wird sich die Branche die neuen Möglichkeiten der Interaktion zu Nutze machen?
Die digitale Revolution hat ja nicht erst gestern begonnen, die Musikindustrie den Wandel lange Zeit verschlafen. Dies zeigt sich auch daran, dass Konsum und Verbreitung von Musikvideos sich radikal verändert haben: Youtube hat MTV den Rang abgelaufen. Die monatlichen Youtube Statistiken der am meisten betrachteten Videos werden genauso regelmässig von Musikvideos dominiert wie die Zahl der Video-Shares, also die über Social Media Kanäle verlinkten Clips. Die Gründe dafür sind vielseitig, teilweise auch hausgemacht: MTV hat das M in seinem Namen und das Medium Internet schlicht zu lange vernachlässigt.
Nun häufen sich die Anzeichen, dass einige Exponenten erwacht sind und sich die neuen Möglichkeiten zu Nutze machen – auch in Bezug auf Videoclips: das Format erfindet sich einmal mehr neu, weg vom passiven, einseitigen Video; hin zum interaktiven Erlebnis. In den letzten Monaten sind solche Musikvideos mit steigender Frequenz aufgetaucht.
Das neuste Beispiel liefert der Song “We Used To Wait” der Band Arcade Fire. Mit dem Projekt The Wilderness Downtown hat dieser Song einen Videoclip erster Güte spendiert bekommen. Das interaktive Erlebnis – komplett ohne Einsatz von Flash realisiert – ist im Web aktuell eines der ganz grossen Themen. Google freut’s, denn in seiner ganzen Tiefe lässt sich das Video nur mit Google Chrome erleben. Am besten gleich selbst rein zappen:
Das Video besteht aus mehreren Teilen, die allesamt die Möglichkeiten von HTML 5 aufzeigen: die Wiedergabe von Videos ohne Einsatz von Flash, Realtime Rendering von 3D Elementen (die Vögel reagieren auf Mauszeiger und Musik), choreographierte Fenster usw. Im Detail auf der Projekt-Seite von Chrome Experiments nachzulesen.
Dass Musikvideos sich neue technologische Entwicklungen zu nutze machen ist nicht neu. In den letzten Monaten haben es immer wieder Bands geschafft, mit entsprechenden Produktionen für Aufsehen zu sorgen. Die wichtigsten Stilrichtungen seien in der Folge anhand von Beispielen aufgeführt.
Robyn – Killing me
Dieses Video ist eines der ersten, das Social Media einbezieht. Während der erste Teil des Clips nach einem fixen Muster abläuft, wird der zweite Teil von den Fans der Band belebt. Tweets mit dem Hashtag #KillingMe werden im Video direkt verarbeitet, womit die Twitter User dieser Welt das Video konstant verändern.
Labuat
Als eines der ersten interaktiven Musikvideos überhaupt hat dieses Projekt aus Spanien das Potential solcher Produktionen eindrücklich bewiesen. Im März 2009 vorgestellt, hat es sich in kürzester Zeit um den gesamten Globus verbreitet. Im Januar 2010 wurde es mit dem wohl wichtigsten Award überhaupt ausgezeichnet, den eine Website erhalten kann: dem People’s Choice Award von FWA.
Dieses Konzept wurde denn auch von mehreren Bands für ihre eigenen Musikvideos übernommen. Zwei Beispiele:
Placebo mit The Never Ending Why
Broken Bells mit October
John Mayer – Heartbreak Warfare
Auf den Zug der Augmented Reality ist John Mayer aufgesprungen. In seinem Video zum Song “Heartbreak Warfare” lässt sich die Umgebung mittels Webcam und einem ausgedruckten Icon drehen und wenden. Leider hat Sony dafür gesorgt, dass die offizielle Version des Videos zumindest für Schweizer YouTube Nutzer gesperrt ist. Deswegen nur ein kurzer Ausschnitt ohne Sound. Das Video kann auf John Mayer’s Website aber noch immer betrachtet, bzw. selbst gestaltet werden.
Bob Dylan
Das meines Wissens erste interaktive Musikvideo stammt von Bob Dylan aus der Zeit, in der Video Customizing total hip war. Es handelt sich dabei nicht um den Clip für einen neuen Song, sondern um einen alten Klassiker, der für Promotionszwecke einen neuen Anstrich erhielt: Besucher können ihren Freunden eine persönliche Video-Nachricht zukommen lassen.
Meines Wissens sind damit sind die wichtigsten Prototypen von interaktiven Musikvideos erwähnt. Es bleiben noch die Youtube Video-Weichen (wie in diesem Quiz-Video demonstriert) und das Musik-Video in Excel-Format von AC/DC zu erwähnen. Letzteres hat zwar für Furore gesorgt, mit Interaktion aber nicht viel gemein.
Werden sich solche Produktionen durchsetzen? Meiner Meinung nach ja. Werden sie die klassischen Musikvideos ablösen? Sicherlich nicht. Dafür sprechen 2 Faktoren:
- Musik wie auch Clips werden wie vor gerne passiv konsumiert, z.B. als Nebenbeschäftigung. Das hat auch MTV bemerkt und das Programm entsprechend angepasst.
- Die Musikindustrie steckt in der Krise, die finanziellen Mittel sind knapp, eine schnelle Lösung nicht in Sicht. Daher wird man sich nicht für jedes Album eine oder gar mehrere solcher Produktionen leisten können und wollen.
Für bekannte Bands dürfte diese Art von Clips aber nach und nach an Wichtigkeit gewinnen und früher oder später zum Standard Repertoire bei der Veröffentlichung eines Albums werden.
Was denkt ihr darüber? Und kennt ihr Beispiele, die in dieser Aufzählung fehlen?




